Vielleicht ist Afrohaar gar nicht so kompliziert, wie du denkst. Vielleicht hat dir einfach noch niemand gezeigt, wie du damit arbeitest.
Ich meine das wirklich so. Als Friseur:in hast du gelernt, Haare zu analysieren, Formen zu schneiden und mit Spannung, Abteilungen und Schnittlinien zu arbeiten. Und trotzdem stehst du bei eng gelocktem Afrohaar vielleicht vor dem Spiegel und fragst dich: Wie soll ich da überhaupt anfangen?
Die Antwort ist oft nicht: noch mehr komplizierte Techniken. Sondern die vorhandene Struktur besser lesen lernen.
Ich bin Sandra, Meisterfriseurin und Curly Hair Specialist. Ich arbeite mit Wellen, Locken und Coils. Besonders spezialisiert habe ich mich auf starke Lockenstrukturen. Was ich daran mag? Viele Dinge, die wir beim Styling sonst erst erzeugen wollen, bringt dieses Haar von selbst mit.
Die Haare zeigen dir eigentlich schon, was sie machen wollen
Schau dir eng gelockte Coils einmal genau an. Die Haare bündeln sich in viele kleine Lockengruppen, haben von Natur aus Volumen und fallen bereits dreidimensional. Du musst nicht erst jede einzelne Strähne in eine Spirale verwandeln.
Das ist ein großer Unterschied zu bestimmten Wellen-Stylings, bei denen man mehr definieren oder unterstützen möchte, damit die Form so fällt, wie man sie sich wünscht. Bei Coils ist die natürliche Lockenform oft schon deutlich vorhanden.
Weniger erzwingen, mehr verstehen. Genau da beginnt für mich der spannende Teil.
Das heißt nicht, dass jedes Type-4-Haar gleich funktioniert. Haarmenge, Dichte, unterschiedliche Lockenmuster und Stylinggewohnheiten machen einen Unterschied. Und Shrinkage musst du bei jeder Schnittentscheidung mitdenken. Nur: Vieles wird logischer, sobald du nicht gegen die Form arbeitest.
Warum sich das Schneiden plötzlich einfacher anfühlen kann
In der Friseurausbildung lernen wir viele Techniken, bei denen wir Haare straff ziehen, glätten und in klaren Linien beurteilen. Diese Grundlagen sind wertvoll. Aber nicht jeder Handgriff funktioniert bei natürlich getragenen Coils genauso.
Wenn du eng gelocktes Haar stark streckst, siehst du eine andere Länge als die, die später im natürlichen Fall sichtbar ist. Wenn du seine Bündel ignorierst, kannst du die Form falsch einschätzen. Und wenn du bei jedem Kopf automatisch viele Stufen schneidest, veränderst du möglicherweise genau die Fülle, die du eigentlich behalten wolltest.
Die Erleichterung kommt, wenn du erkennst: Ich muss dieses Haar nicht erst in eine Form zwingen. Ich muss seine vorhandene Form verstehen und sinnvoll gestalten.
Eine Sache, die ich bei Coils spannend finde: Kleine Unterschiede einzelner Haarenden können sich innerhalb vieler natürlicher Bündel anders verteilen als eine harte Schnittkante bei glattem Haar. Das kann das Finish organischer wirken lassen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Auch bei Coils kannst du Löcher, ungewollte Stufen und eine unausgeglichene Silhouette schneiden. Du brauchst weiterhin eine klare Schnittlogik.
Schnitttechnik: Curl-by-Curl oder ausgekämmt?
Es gibt nicht die eine Schnitttechnik für jedes Afrohaar.
Curl-by-Curl: Wenn deine Kundin ihre Haare definiert trägt, kannst du mit sichtbaren Lockenbündeln arbeiten. Ich gehe dabei oft in Reihen von unten nach oben vor und schneide ohne unnötige Spannung, damit ich sehe, wo das Bündel tatsächlich liegt. Entscheidend ist die Gesamtform – nicht, dass am Ende jedes kleine Bündel exakt gleich lang aussieht.
Ausgekämmt schneiden: Wenn die Kundin ihre Afroform gerne voller und ausgekämmt trägt, betrachtest du Volumen, Außenkontur und Balance in diesem Zustand. Auch dann musst du verstehen, wie sich die Struktur bewegt und welche Bereiche Länge oder Fülle behalten sollen.
Und wenn sie beides trägt? Dann gehört genau diese Frage schon ins Beratungsgespräch. Du entscheidest die Technik nach dem gewünschten Ergebnis, nicht nach einem Trend auf Instagram.
Denk in 3D – dein Schnitt muss von allen Seiten funktionieren
Ein Lockenschnitt kann von vorne rund aussehen und hinten trotzdem schwer oder unausgeglichen sein. Deshalb kontrolliere ich Form und Volumen von vorne, von der Seite und von hinten.
Frag dich beim Schneiden: Wo liegt die größte Fülle? Wo braucht die Form mehr Balance? Welche Länge muss bleiben? Was wird sich durch Shrinkage sichtbar verändern?
Gerade stark gelocktes Afrohaar zeigt dir oft schon seine natürliche Rundung. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Afrohaarschnitt rund sein muss. Die Kundin wählt die Form. Deine Aufgabe ist es, diese Form mit ihrer Haarstruktur umzusetzen.
Ein Afrohaarschnitt ist nicht automatisch ein Wash-and-Go
Diesen Unterschied finde ich wichtig. Eine Kundin kann einen definierten Wash-and-Go, eine ausgekämmte Afroform, einen Blowout oder eine Silk Press tragen wollen. Dass eine Schulung Afrohaar behandelt, sagt dir noch nicht, welche dieser Techniken sie vermittelt.
Für einen Wash-and-Go geht es um Definition, gleichmäßigen Produktauftrag und kontrolliertes Trocknen. Ein Blowout oder eine Silk Press verfolgt dagegen das Ziel, das Haar zu strecken oder zu glätten. Du kannst Afrohaar in all diesen Zuständen bearbeiten. Entscheidend ist, dass du weißt, für welchen Look du schneidest oder stylst.
Wie lernt man das wirklich?
Nicht, indem du mir beim perfekten After-Foto zuschaust und dann hoffst, dass es bei deiner nächsten Kundin genauso klappt.
Ich möchte, dass du eine Entscheidung erklären kannst. Warum schneidest du dieses Bündel? Warum bleibt dort mehr Länge? Was wird beim Trocknen passieren? Wie kontrollierst du die Silhouette am Ende?
Deshalb verbinde ich in meinem Unterricht Theorie, Übungskopf, praktische Entscheidungen und, abhängig vom Erfahrungsstand, Arbeit am Live-Modell. Das Ziel ist nicht, dass du nach zwei Tagen jede Situation auf der Welt kennst. Das Ziel ist, dass du beginnst, die Struktur richtig zu lesen und bewusst mit ihr zu arbeiten.
Schwer ist es oft nur, weil du es nie richtig gelernt hast. Und wenn du es einmal verstehst, kann es tatsächlich richtig Spaß machen.
Von der eigenen Weiterbildung zum Afrocurls-System
Ich bin deutsche Meisterfriseurin, habe mich bei der Rëzo Academy weitergebildet und bei Michelle Garande gelernt. 2025 habe ich gemeinsam mit Abina Ntim von JONA curly hair care AfroCurls Pro veranstaltet. Heute unterrichte ich mit Babeyhair Pro mein eigenes Afrocurls-System für bestehende Salonteams.
Wellen, größere Locken und eng gelocktes Afrohaar gehören für mich alle zum Friseurhandwerk. Und gerade bei Coils möchte ich dir zeigen, wie viel verständlicher die Arbeit wird, wenn du nicht gegen die natürliche Form arbeitest.
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Du möchtest auch andere Kurse vergleichen? In unserem Guide zu Locken- und Afrohaar-Fortbildungen findest du eine Übersicht verschiedener Ausbildungswege.